11. April 2018 Von: Marlene in 'Reiseberichte''

5 Tage, 3 Länder. Einmal durch die Alpen. Von Süd nach Nord. Insgesamt über 10.000 Höhenmeter. So steht es in der Einladung, die Anfang Februar ins Haus flattert. Ziel ist die Durchquerung der Alpen vom italienischen Livigno über die Schweizer Skigebiete Zuoz und Davos-Klosters, weiter nach Ski Arlberg und schließlich bis ins Kleinwalsertal. Die Strecke wird auf Skiern zurückgelegt. Teilweise unterstützen Skilifte. Geschlafen wird in Hotels im Tal. Snowplaza Bloggerin Marlene hat die Herausforderung angenommen und ist mit 17 weiteren Ski-Enthusiasten auf Tourenski über die Alpen marschiert. Wie es ihr bei der Alpenüberquerung erging, verrät sie im Erfahrungsbericht.

Von Livigno bis ins Kleinwalsertal: Die Sorgen zu Beginn

In der Nacht vor der Alpenüberquerung hab ich kein Auge zugetan. Wachgehalten von Selbstzweifeln, ob ich das schaffe, geht es am nächsten Morgen mit dunklen Augenringen und Magengrummeln in Richtung Ausgangspunkt nach Livigno. Die Gesichter der anderen 17 Teilnehmer wirken selbstsicherer. Bestimmt haben die sowas schon oft gemacht. Oder wissen die Anspannung besser zu verbergen. Bei der allabendlichen Tourenplanung wird umdisponiert. Grund für die geänderte Routenwahl ist die erhebliche Lawinengefahr, die uns vor allem an den ersten beiden Tagen zur Vorsicht aufruft. Wir gehen auf Nummer sicher. Die Wahl fällt auf flachere Hänge. Das bedeutet deutlich weniger Höhenmeter für den ersten Tag. Ich habe das Gefühl nicht die einzige zu sein, die beim Gedanken an eine leichtere Etappe innerlich aufatmet.

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Aufbruch ins Niemandsland

Der Wettergott meint es gut mit uns. Das beste an den nahezu perfekten Verhältnissen ist: Wir haben das alles für uns allein. Also raus aus dem Skigebiet. Rein in die Natur. Einen Ski vor den anderen schiebend, lasse ich den Blick über die wechselnden Silhouetten der schroffe Berggipfel schweifen. Ich staune über das Winterwunderland, das je nach Region immer ein bisschen anders aussieht. Außer uns ist keine Menschenseele zu sehen. So treten wir durch weite Schneewüsten und hinterlassen unsere Spuren in bis dato unverspurten Hängen. Glücksgefühle machen sich breit: "Womit habe ich das verdient?"

© Julian Bückers

Wir sind alleine unterwegs

© Julian Bückers

Das Wetter lässt Skifahrer-Herzen höher schlagen

© Julian Bückers

Anstrengend ist es trotzdem

Doch das breite Honigkuchenpferd-Grinsen bleibt nicht dauerhaft haften. Wenn die Beine müde werden und die Lungen nach Luft schreien, weicht es der Grimasse der Anstrengung. Immer wieder beiße ich die Zähne zusammen. Immer wieder frage ich mich, warum ich mir das antue. Immer wieder jammere ich still in mich hinein, wenn der Magen knurrt. Immer wieder kämpfe ich die letzten Meter bis zum Gipfel. Allerdings kosten nicht nur die Höhenmeter Energie. Auch die eisigen Minusgrade, die schneidenden Winde und die kilometerlange Gehpassagen aus dem Tal hinaus zehren an den Kraftreserven.

Wer abfahren will, muss auch aufsteigen

Es hilft ja nichts. Wer besondere Abfahrten haben möchte, muss sie sich auch verdienen. "Earn your turns", würde man das in den Sozialen Medien nennen. Und wir verdienen uns verdammt viele Abfahrten. Aufstieg um Aufstieg kämpfen wir uns weiter. Besonders die zweite Etappe hat es in sich. Über den Tag verteilt warten drei Anstiege. Die ersten zwei gehen noch mehr oder weniger leicht von der Hand. Beim dritten hängen uns die Höhenmeter schon spürbar in den Knochen. Am Ende liegen wir uns verschwitzt und erschöpft in den Armen. Ein bisschen stolz sind wir alle.

Gute Abfahrten muss man sich verdienen. © Julian Bückers

Wie so oft geht es bergauf

© Julian Bückers

Keine Panik vor der Rinne

So anstrengend die Aufstiege auch sein mögen, so abwechslungsreich sind sie auch. Teilweise wird es alpin und fordernd. In einer besonders steilen Rinne, einem sogenannten Couloir, werden die Ski an den Rucksack gepackt. Schritt für Schritt trete ich konzentriert in die Spuren des Bergführers. Einen Fuß vor den anderen. Nicht abrutschen. Oben ist eng und felsdurchsetzt. Die Ski bleiben vorerst da, wo sie sind. Rückwärts klettern wir auf der anderen Seite die ersten Meter wieder bergab. Festhalten ist schwierig. "Kein Panik, wenn's mal rutscht. Einfach ruhig bleiben. Normalerweise hält der Schnee," feuern die Bergführer unterstützend an.

Eine Teilnehmerin klettert die letzten paar Meter am Seil gesichert nach unten. © Julian Bückers

Alles geben auf der Abfahrt

Obwohl es bergauf sicher nicht langweilig wird, sind es doch meist die Abfahrten, auf denen Jubelschreie ausgestoßen werden. Das gilt nicht nur für die 2. Etappe. Plötzlich sind alle Anstrengungen vergessen und eine nicht greifbare Aufregung liegt in der Luft. Skibindungen rasten ein. GoPros piepsen aufnahmebereit. Dutzende Augenpaare suchen den Hang nach der perfekten Linie ab. Und dann geht es los. Einer nach dem anderen schießt die verschneiten Flanken hinunter. Mühelos gleiten die breiten Latten durch den weichen, frischen Pulverschnee. Schnee spritzt bis zur Hüfte. Bei manchen bis ins Gesicht. Wie sich das anfühlt? Gar nicht in Worte zu fassen.

Verletzt! War's das jetzt?

Eine der besonders guten Abfahrten liegt auf der 3. Etappe zwischen den Skigebieten Madrisa in der Schweiz und Gargellen sollte meine letzte des Tages sein. Ich stürze nach einer Hügelkuppe. Lande aber weich. Ein anderer eilt mir zur Hilfe. Bringt meine Stöcke mit. Ich stehe auf: "Alles gut?" Nicken. Ja, klar! Dann setze ich zum Schwung an und merke: Nichts ist gut. Das rechte Knie tut ziemlich weh. Ich schleppe mich in den nächsten Ort. Die Gruppe zieht weiter. Ich bleibe zurück. Warte darauf, abgeholt zu werden. War's das jetzt?

Das Wetter zeigt sich trotz Verletzung von seiner besten Seite. © Julian Bückers

Kein Geheimtipp: Abfahrt von Madrisa nach Gargellen

© Julian Bückers

Es ist doch noch nicht zu Ende

"Der Arzt sagte, ich kann weitermachen", verkünde ich den anderen, die mittlerweile auch in der Unterkunft eingetroffen sind. Ich tue selbstsicherer als ich mich fühle. Womöglich ist das Kreuzband beschädigt. Das Knie ist bandagiert. Salbe und Schmerztabletten tun ihr Übriges. Ich werde es einfach versuchen. Wenn's nicht geht, höre ich halt auf. Bergführer Michi nickt mir zu: "Der erste Teil ist noch im Skigebiet. Da kannst du jederzeit abbrechen."

Letzte Etappe vom Arlberg ins Kleinwalsertal

Viel Schonfrist habe ich nicht. Schon nach einer Abfahrt muss ich mich entscheiden, ob ich mitkomme. Noch wirkt die Schmerztablette nicht. Aber aufgeben will ich nicht: "Ich schaffe das." Eine Entscheidung, die ich nicht bereue. Dann steht nur noch der allerletzte Aufstieg in Richtung Kleinwalsertal bevor. Bei einer Spitzkehre rutsche ich aus. Aua! Ich bleibe ein paar Sekunden liegen. Atme den stechenden Schmerz weg. Jetzt muss ich da auch noch hoch. Umdrehen geht nicht mehr. Wenig später ... Geschafft! Wir haben es tatsächlich geschafft!

Einige Rinnen im Skigebiet Ski Arlberg sind besonders steil. © Julian Bückers

Noch ein letztes Mal nach oben

© Julian Bückers

Geschafft! Glückliches Gruppenfoto am Ende der Alpenüberquerung von Livigno ins Kleinwalsertal

© Julian Bückers

So gut wird es nie wieder!

Die Erleichterung, die ich spüre, zeichnet sich auch auf den Gesichtern der anderen ab. Jeder ist froh, dass wir es gemeistert haben. Wir stoßen an: "Das könnt ihr nie wieder machen," mahnt Michi. "Denn so gut wird es nie wieder." Zustimmung. Es hat alles gepasst. Vier Tage Pulverschnee. Super Wetterverhältnisse. Unberührte Hänge. Ausgelassene Stimmung und eine motivierte, sich gegenseitig unterstützende Gruppe. "Er hat recht," denke ich. Besser kann es kaum werden. Im Inneren stoße ich Jubelschreie aus. Die quälende Anspannung, die mich schon Tage vorher begleitet hat, ist endlich weg. Und ich weiß: "Ja! Ich habe es geschafft!"

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Als Wahlmünchenerin habe ich die Alpen ja quasi vor der Tür und bin deshalb gern in den Bergen unterwegs. Von Oktober bis Mai und manchmal auch im Hochsommer begleiten mich dabei meine geliebten Skier.

 
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