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Drehen statt Klicken: Wie BOA in drei Jahren den Skischuh erobert hat

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© HEAD

Wer diesen Herbst einen Skischuh anprobiert, kommt kaum noch daran vorbei: ein Drehrad statt – oder neben – den Schnallen. Auf der ISPO, die in diesem Jahr erstmals in Amsterdam stattfand, erzählte Patrick Hackl, Commercial Director bei BOA, wie das Unternehmen in nur drei Saisons den Sprung von vier Testpartnern zu fast allen großen Skischuhmarken geschafft hat. Wir haben uns die Zahlen genauer angesehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder dritte Skischuh, der in der kommenden Saison über den Ladentisch geht, hat einen BOA-Verschluss.
  • Mehr als 40 Prozent aller Skischuhmodelle für 2026/2027 gibt es mit BOA.
  • Fast alle großen Marken sind dabei: von Salomon, Atomic, Fischer und K2 bis Dalbello, Head, Tecnica, Nordica, Rossignol und Lange.

Vom Snowboard auf die Piste

Beim Snowboarden ist BOA seit Jahren ein Begriff: Drehrad, dünnes Stahlseil – und der Boot sitzt. Beim Skischuh lag der Fall anders. Hier zählt die Kraftübertragung, und die Schnalle war rund 50 Jahre lang unangefochten. Trotzdem startete BOA schon in der Saison 2015/2016 erste Machbarkeitstests, damals noch mit vorhandenen Komponenten.

Acht Jahre Tests bis zum Marktstart

Es folgte ein langer Weg. 2018/2019 testete BOA die Wirkung mit Prototypen, zwischen 2019 und 2021 folgten Feld- und Labortests mit spritzgegossenen Teilen, und ab 2021 gingen die ersten Markenpartner selbst auf die Piste. Ihre Auswahl war kein Zufall: Mit K2 und Salomon arbeitete BOA bereits beim Snowboarden zusammen, mit Atomic und Fischer über das Skitourengehen. „Wir wollten mit Partnern starten, die uns schon vertrauten“, sagt Hackl.

2023 ging es los

2023 kamen die ersten Skischuhe mit BOA in den Handel – bei vier Marken und zunächst nur mit einem Drehrad an der Schale. BOA setzte bewusst auf ein schrittweises Vorgehen. Erst 2025 folgte die komplette Dual-Lösung mit zwei Drehrädern, und Dalbello, Head, Tecnica, Nordica, Rossignol und Lange stiegen ebenfalls ein.

Was bringt das auf der Piste?

„Man kann nicht sagen: Wir haben das Gefühl, oder unsere Markenbotschafter sagen das. Man muss mit Daten kommen“, sagt Hackl. Druckmessungen zeigen, dass ein BOA-Schuh den Druck gleichmäßig über den Fuß verteilt, während ein klassischer Schnallenschuh einen deutlichen Druckpunkt auf dem Rist erzeugt – genau dort, wo viele Skifahrer Probleme haben. Außerdem hat BOA die Seilspannung während eines kompletten Rennlaufs gemessen, vom Zudrehen bis zur Abfahrt.

Robust genug?

Um die Belastbarkeit der Seile hat sich BOA laut Hackl nie Sorgen gemacht. Der eigentliche Feind lauert woanders: alles, was absteht. Ein Schlag gegen das Auto, Treppensteigen in Skischuhen, Skitouren. Bei den Tests ging es deshalb vor allem um die Frage, ob das System ein ganzes Skischuhleben lang hält – auf und abseits der Piste.

Skischuhe mit BOA-Verschluss klicken auf der Piste in die Bindung
© HEAD
Skischuhe mit BOA-Verschluss auf der Piste

Vor allem im oberen Segment

Ein Blick auf die Modelle der Saison 2026/2027 zeigt, wo BOA steckt. Bei All-Mountain- und Pistenschuhen zählte BOA 417 Modelle, 195 davon gibt es mit BOA. Bei den härteren Schuhen (Flex 100 und mehr) sind das 56 Prozent, bei den weicheren unter Flex 100 rund 30 Prozent. Bei Freerideschuhen mit Flex 140 hat sogar jedes Modell BOA.

Warum seltener bei Einsteigern?

Für Hackl ist der Unterschied logisch. Weichere Schuhe sind günstiger und werden häufiger über andere Vertriebskanäle verkauft, in denen vor allem der Preis zählt. BOA ist teurer als Schnallen – und eine Billigversion, die über den Preis konkurriert, kommt nicht infrage: „Das hat nie funktioniert, das haben wir mehrfach gelernt.“ Gearbeitet wird aber daran, das System besser in den Schuh zu integrieren, damit es auch in anderen Preisklassen attraktiver wird.

Mehr Auswahl, aber auch mehr Verwirrung

Den Siegeszug von BOA sieht man im Regal. 2023/2024 gab es im All-Mountain- und Pistensegment 16 Ausführungen mit BOA und 326 mit Schnallen. Für 2026/2027 stehen 185 BOA-Ausführungen 204 mit Schnallen gegenüber. Ob Head, Atomic, Fischer oder Tecnica: Bei praktisch jeder Marke findet man inzwischen Skischuhe mit BOA.

Vier Versionen desselben Schuhs

Die Gesamtzahl der Ausführungen stieg von 414 auf 480, obwohl kaum mehr Skischuhe verkauft werden. Das sorgt für Gedränge im Laden. Hackl nannte eine Marke, die einen Schuh mit identischem Flex in vier Varianten anbietet: mit Schnallen, mit BOA an der Schale, mit BOA am Schaft und mit zwei Drehrädern. „Das ist weder gesund noch nachhaltig.“ Es ist also damit zu rechnen, dass das Angebot in den nächsten Jahren wieder übersichtlicher wird.

Kaputt? Ersatzteile gibt es gratis

Für Skifahrer vielleicht der wichtigste Punkt: Auf das BOA-System gibt es eine lebenslange Garantie. Geht ein Drehrad oder ein Seil kaputt, bestellt man über boafit.com/support/warranty kostenlos ein Reparaturset, das nach Hause geliefert wird. Alle Teile sind so gebaut, dass sie sich reparieren lassen. Und das kommt selten vor: Die Garantiequote liegt laut BOA unter 0,2 Prozent.

Auch der Handel wird unterstützt

Auch Skishops bekommen Hilfe. BOA hat die wichtigsten Händler mit Ersatzteilsets, Schulungen und Material ausgestattet, damit das Verkaufspersonal erklären kann, warum ein Schuh mit BOA mehr kostet. Über ein Onlineportal können Händler zudem kostenlos Teile bestellen und Schulungsvideos ansehen.

Wie sieht der Skischuh der Zukunft aus?

Bemerkenswert: Inzwischen kommen Marken selbst auf BOA zu und merken an, dass alle Skischuhe gleich aussehen. „Skischuhe sehen seit 50 Jahren gleich aus“, entgegnet Hackl mit einem Augenzwinkern. In der ersten Phase habe man bewusst auf bestehende Schuhe und Formen gesetzt und diese angepasst. „Sonst hätten wir im Regal womöglich wie ein Alien gewirkt.“ Jetzt, wo die Marken mit dem System vertraut sind, erwartet BOA, dass das Design in den nächsten fünf Jahren deutlich vielfältiger wird.

Tipp der Redaktion

Du überlegst, dir einen Skischuh mit BOA zu kaufen? Probier ihn immer im Fachhandel an und vergleiche ihn, wenn möglich, mit demselben Modell mit Schnallen. Achte darauf, dass Drehrad und Seile nicht auf den Rist drücken und dass du den Schuh auch mit Handschuhen gut bedienen kannst. Die Passform bleibt das Wichtigste. Ein Drehrad macht aus dem falschen Schuh keinen richtigen.

Mike Snowplaza

Über Mike

Lernen Sie Mike kennen, Chefredakteur und Miteigentümer von Snowplaza. Als erfahrener Wintersportexperte und Ex-Skilehrer teilt er sein einzigartiges Wissen über Skigebiete und Technik.